ZUSAMMNEFASSUNGEN

57 Jahrgang,

2006,

Heft: 1-4

WISSENSCHAFTLICHE BEITRÄGE

Strategisch wichtige Wasserressourcen im Tennengebirge und ihr gesetzlicher Schutz vor Privatisierungen: Geologische, hydrologische und juristische Fakten
Edgar Dachs, Walter Klappacher, Rudolf Pavuza, Brigitte Peer

Das Tennengebirge im Bundesland Salzburg ist ein Trinkwasserhoffnungsgebiet erster Ordnung und verfügt über das Potential, eine Großstadt mit Trinkwasser zu versorgen. Strategisch wichtige, d.h. für eine Wasserversorgung der Bevölkerung langfristig geeignete Quellbezirke sind: (a) Paß Lueg und vorgelagerte Talfüllungen, (b) Oberscheffau und Abtenau samt vorgelagerten Talfüllungen und (c) Lammerursprung und Wengerau.
Die geologischen und hydrologischen Fakten belegen, dass das Tennengebirge als zusammenhängender, vertikal und horizontal vernetzter Karstwasserkörper mit Hauptquellaustritten im Norden von enormer strategischer Bedeutung ist. Durch Markierungsversuche ist ein bis in die südlichste Region des Tennengebirges reichendes Einzugsgebiet dieser bedeutenden Großquellen nachgewiesen. Das gesamte Zentralplateau des Tennengebirges ist damit als Quelleinzugsgebiet anzusehen, das bis zu den wasserstauenden Werfener Schichten reicht, die an der Südflanke des Gebirges auf 1000-1300 m Seehöhe die Basis der kalkalpinen Schichtfolge bilden. Die angrenzenden und von den Karstwässern teils oberirdisch, teils unterirdisch gespeisten Talfüllungen (unteres Lammertal, Lammerursprung, Wengerau) sind Grundwasserkörper, denen wegen ihrer Speicher- und Filtrierwirkung ebenfalls große Bedeutung für eine langfristige Versorgung der Bevölkerung mit hochwertigem Trinkwasser zukommt.
Dem trägt die bereits 1980 erlassene "Wasserwirtschaftliche Rahmenverfügung" zum Schutz der Karstwasservorkommen Rechnung. Damit wurde die zukünftige Versorgung der Bevölkerung mit sauberem Trinkwasser rechtlich gesichert und durch das normierte Verkaufsverbot im §1 Abs.3 lit.3a Bundesforstegesetz 1996 konkretisiert und erhärtet. Ein Verkauf an Privatpersonen widerspricht diesem Verbot.
Aus der Analyse der geologisch-hydrologischen Fakten geht sehr klar hervor, dass 800 ha Liegenschaften im südöstlichen Tennengebirge, die von der Österreichischen Bundesforste AG an einen privaten Holzindustriellen verkauft werden sollen, integraler Bestandteil dieses strategisch bedeutsamen Karstwasserkörpers des Tennengebirges samt südlich angrenzenden Grundwasserkörpers im obersten Lammertal sind und der angestrebte Verkauf damit rechtswidrig ist.


Prähistorische Höhlenfundplätze im Changwat Kanchanaburi, Westthailand – Höhlengebiete Südostasiens XVI
Heinrich Kusch

In der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts wurden im Changwat (= Provinz) Kanchanaburi in Westthailand bereits einige Höhlenfundplätze archäologisch untersucht und wissenschaftlich bearbeitet. Die nachfolgend beschriebenen drei Höhlenfundplätze sind für die Wissenschaft deshalb von Bedeutung, weil sie mit großer Wahrscheinlichkeit noch unbekanntes archäologisch und paläontologisch interessantes Material beinhalten können. Dies wird vor allem durch die im vorliegenden Bericht erwähnten Beobachtungen und durch die Auswertungen des Fundmaterials dokumentiert. Die Ergebnisse weisen die Tham Phi als einen jungsteinzeitlichen Bestattungsplatz, die Tham Kaeng Lawa als möglichen prähistorischen Siedlungs- oder Bestattungsplatz und die Tham Dao Deung als einen paläontologisch interessanten Fundort aus.


Der Nasse Schacht bei Mannersdorf am Leithagebirge, NÖ (2911/21) – eine thermal beeinflusste Höhle am Ostrand des Wiener Beckens
Lukas Plan, Rudolf Pavuza, Robert Seemann

Der Nasse Schacht wurde 1965 bei Steinbrucharbeiten angefahren und vermessen. Bei der hier vorgestellten Neubearbeitung wurde festgestellt, dass es sich um eine Höhle mit thermaler Beeinflussung handelt. Die Gesamtganglänge beträgt 260 m, der Höhenunterschied 40 m. Die Höhle besteht aus einem kluftgebundenen Teil, der am tiefsten Punkt eine Wasseransammlung aufweist, sowie subhorizontalen labyrinthischen Teilen. Die Wasser- und Raumtemperatur beim tiefsten Punkt beträgt ca. 15,5 °C. Die Profile sind vermutlich phreatisch geprägt, wobei eine deutliche Überprägung durch Kondenswasserkorrosion festzustellen ist. Die Höhle fällt durch reichliche Perlsinterbildungen auf. Zudem gibt es – zwar in deutlich geringeren Mengen – eine Vielfalt sekundärer Mineralisationen wie z.B. Aragonit, Calcit, Dolomit, Epsomit, Huntit und Hydromagnesit. Der Nachweis von Huntit ist der erste in einer österreichischen Höhle. Neben der erhöhten Temperatur konnten auch erhöhte Radon- und CO2-Werte gemessen werden. Die in der Höhle auftretenden Wässer sind aufgrund der Mineralisation „normale“ Sickerwässer und haben keine Ähnlichkeit mit den Thermalwässern der nahen Mannersdorfer Therme. Analysen der stabilen Isotopenzusammensetzung von Perlsintern zeigen Abweichungen von Werten einer geothermal unbeeinflussten Höhle und gewisse Ähnlichkeiten mit jenen aus Thermalhöhlen der Umgebung, die als leichte hydrothermale Prägung interpretiert werden.


Ein mittelpleistozäner Aragonitstalagmit aus der B7-Höhle (NW-Sauerland, Nordrhein-Westfalen)
Stefan Niggemann, Detlev K. Richter

Ein teilweise aus Aragonit bestehender Stalagmit aus der B7-Höhle in mittel-/oberdevonischem Massenkalk des Rheinischen Schiefergebirges bei Iserlohn wurde petrographisch und geochemisch analysiert. Die primäre Zusammensetzung aus nadel- und fächerförmigem Aragonit sowie vereinzelt aus zeitgleich gewachsenem, radiaxial-faserigem Mg-haltigen Calcit belegt ein erhöhtes Mg/Ca-Verhältnis der Tropfwässer zur Zeit der Speläothembildung. Dies steht offensichtlich im Zusammenhang mit der Calcitisierung eines Dolomitgangs im Wirtsgestein, unterhalb dessen der umgestürzte Stalagmit aufgefunden wurde, worauf auch die erhöhten d13C-Werte hinweisen. Mit einem Alter von etwa 440.000 Jahre (U/Th-Datierungen mittels Thermionen-Massenspektrometrie) fällt sein Wachstum in eine Warmzeit der marinen Isotopenstadien 11-12. Die Genese des Gangniveaus 3 des fünfstufigen Höhlensystems ist somit mindestens mittelpleistozänen Alters.


Das Alter der Stalagmiten im Katerloch (2833/59): Erste Ergebnisse der Uran/Thorium Datierung
Ronny Boch, Christoph Spötl, Jan Kramers

Aus einer der bekanntesten Tropfsteinhöhlen Österreichs, dem Katerloch bei Weiz (Steiermark), werden erstmals präzise Alterswerte von Stalagmiten mitgeteilt. Die Datierungen erfolgten mit der massenspektrometrischen Uran/Thorium-Methode an Kernbohrungsproben, die nahe der Basis der Tropfsteine entnommen wurden. Sieben Stalagmiten ergaben ein Altersspektrum von ca. 10.000 Jahre bis älter als 450.000 Jahre vor heute. Zwei Stalagmiten wuchsen während der letzten Warmzeit mit Basisaltern von ca. 130.000 Jahren, während zwei andere, heute noch aktive Stalagmiten mit ihrem Wachstum am Beginn der heutigen Warmzeit (dem Holozän) vor ca. 11.000 bis 10.000 Jahren vor heute einsetzten. Diese bis zu mehrere Meter hohen Tropfsteine lassen eine mittlere Wachstumsgeschwindigkeit von ca. 0,3-0,5 mm pro Jahr abschätzen, deutlich höher als für kühle alpine Höhlen typisch.


Altersbestimmungen an zwei großen Stalagmiten der Grasslhöhle (2833/60)
Ronny Boch, Christoph Spötl, Jan Kramers

Das Vorkommen einer speläologisch jungen Sintergeneration in der Grasslhöhle (Steiermark) ist durch Altersdatierungen an überwiegend kleinen Stalagmiten mittels konventioneller Radiokarbon-Methode belegt (Trimmel, 2002). Die vorliegende Arbeit berichtet über erste Altersbestimmungen an großen, für die Grasslhöhle typischen Stalagmiten unter Verwendung der Uran/Thorium-Methode. Es wurden jeweils zwei Proben von zwei Stalagmiten für die Datierung entnommen. Diese vier Messungen lieferten verlässliche Messwerte, welche übereinstimmend ein Alter jenseits der Datierungsgrenze der Methode, d.h. älter als ca. 450.000 Jahre belegen. Dies kann als ein erster Beleg für ein vermutlich generell hohes Alter großer Tropfsteinbildungen in der Grasslhöhle betrachtet werden.


Die Geschichte der Höhlenforschung in Kapfenberg (Steiermark)
Michael Riedl

Wohl in keiner anderen Region Österreichs gibt es auf relativ engem Raum so viele höhlenkundliche Vereine wie im Mürztal (Steiermark). Allein in Kapfenberg existierten bis vor wenigen Monaten zwei Vereine nebeneinander: die „Sektion Kapfenberg des Landesvereines für Höhlenkunde in der Steiermark“ und der „Schutzverein Rettenwandhöhle“. Im Laufe der Geschichte der Kapfenberger Höhlenforscher hat es seit den Zwanzigerjahren des vorigen Jahrhunderts, als die wissenschaftliche Höhlenforschung begann, weit mehr Höhlenvereine gegeben als anderswo. Berücksichtigt man auch offizielle und inoffizielle Namensänderungen bereits bestehender höhlenkundlicher Organisationen, so waren diese neben den bereits oben erwähnten Vereinigungen der „Verein für Touristik und Höhlenforschung“, der „Landesverein für Höhlenkunde in Steiermark, Ortsgruppe Kapfenberg“, der „Verein für Vorgeschichte und Höhlenkunde Kapfenberg“, der „Verein für Höhlenkunde ‚Perlsinter‘ “ und die „Forschergruppe Hochschwab – Kapfenberg im Landesverein für Höhlenkunde in Steiermark“. Deren Geschichte bis zum Jahr 1973 – dem Jahr, in welchem es zu weitreichenden Umbildungen kam – soll in den folgenden Zeilen beleuchtet werden.

 

FORSCHUNGSBERICHTE

Aktuelle Forschungen in der Südwandhöhle (Dachsteinloch,1543/28), Stmk/OÖ
Robert Seebacher

Die am Fuß der Dachstein-Südwand gelegene, schon seit 1886 bekannte Höhle wurde bereits 1910 von Hermann Bock höhlenkundlich untersucht und auf etwa 400 m Länge bis zum „Dom“ vermessen. Obwohl bereits Bock eine mögliche Fortsetzung im Deckenbereich des Doms vermutete, gelang der Durchbruch erst 1980, als Mitglieder der ÖAV-Forschergruppe Schladming zwei Wandstufen überwanden und in neue Höhlenteile vordrangen. Daraufhin fand in den 80er und 90er Jahren eine rasche Erkundung der Höhle auf mehrere Kilometer Länge statt. Leider wurden vorerst nur einige dieser Teile grob vermessen und kaum dokumentiert.
Zwischen 1998 und 2001 wurde im Rahmen einer Diplomarbeit durch Studenten der TU Dresden eine etwa 800 m lange Theodolitvermessung in Verbindung mit Profilaufnahmen durchgeführt.
Im Jahre 2001 nahmen sich schließlich Mitglieder des Vereins für Höhlenkunde in Obersteier (VHO) der Höhle an und begannen mit der systematischen Erforschung und Vermessung des bedeutenden Objekts. Die Arbeiten haben das Ziel, eine umfassende wissenschaftliche Dokumentation zu gewährleisten. Die Auswertung von Proben und Messungen wird hauptsächlich von Wissenschaftern des Naturhistorischen Museums Wien durchgeführt.
Bisher war es möglich, in 11 großteils mehrtägigen Touren über 6 km Höhlengänge bei einer Niveaudifferenz von 315 m zu vermessen, womit nun das Dachsteinmassiv offiziell um eine Riesenhöhle reicher ist. Die Horizontalersteckung (~N-S) beträgt 1,14 km. Die maximale Gesteinsüberlagerung von knapp 1400 m ist ein Rekordwert in Österreich. Neun der Touren dienten fast ausschließlich der Aufnahme von bereits bekannten Höhlenteilen. Bei den letzten zwei Touren im April und Juni 2006 gelang nach schwierigen Aufstiegen jetzt aber der Durchbruch in bedeutendes Neuland.
Die sehr großen Raumbildungen, Anlage und Charakter des Objektes sowie nicht zuletzt ein Tracerversuch lassen auf einen genetischen Zusammenhang mit den Höhlen der Dachstein-Nordseite schließen.


Das Gamslöcher-Kolowrat-Salzburgerschacht-System (1339/1)
Gerhard Zehentner, Georg Zagler, Walter Klappacher

Der Untersberg, Untergruppe 1339 im Österreichischen Höhlenverzeichnis, südlich der Landeshauptstadt Salzburg, ist ein höhlenreicher, bis 1972 m hoher Kalkstock im Grenzgebiet zwischen Salzburg und Bayern. Unter den höchsten Salzburger Gipfeln, dem Geiereck (1807 m) und dem Salzburger Hochthron (1853 m) liegen die Eingänge zu dem hier beschriebenen Höhlensystem. Wie aus den Katasternummern unschwer zu erkennen ist, gehören die Kolowrathöhle und die Gamslöcher zu den am längsten bekannten Höhlen im Untersberg. Nachdem 1846 ein Zugang zur Kolowrathöhle in die abschüssige Querung des Nebelgrabens gesprengt worden war, erlebte die Höhle einen Ansturm von Touristen und kann daher als die älteste „Schauhöhle“ Salzburgs bezeichnet werden. Als dann 1876 der Dopplersteig durch die Dopplerwand geschlagen wurde, konnten auch die weithin sichtbaren Eingänge der Gamslöcher leichter erreicht werden. Es sei darauf hingewiesen, dass in den Gamslöchern eine große Lagerstätte von Höhlenbärenknochen gefunden wurde, die sich bis in die Kolowrathöhle fortsetzt. Der Salzburgerschacht wurde 1935 von Gustave Abel und seinen Kameraden bis auf -170m mittels Strickleitern erforscht und galt damals als tiefste Schachthöhle Salzburgs. Mitte 1970 gelang es einer internationalen Forschergruppe (Belgier, Deutsche, Polen und Salzburger), den Salzburgerschacht auf –606 m Tiefe zu erforschen. Die weitere Erkundung der Gamslöcher erfolgte erst 1979. Im gleichen Jahr gelang auch der Zusammenschluss von Gamslöchern und Kolowrathöhle. Zwischen 1979 und 1992 wurde das Gamslöcher-Kolowrat-System auf 17.524 m Länge erforscht und vermessen.
2004 fand eine junge Forschergruppe um G. Zagler die lange vermutete Verbindung zwischen dem Gamslöcher-Kolowrat-System und Salzburgerschacht. Die Gesamtlänge des Gamslöcher-Kolowrat-Salzburgerschacht-Systems beträgt 25.244 m, sein Gesamthöhenunterschied wuchs auf 790 m.


Bärenlucke und Mariannenhöhle – Neuforschungen im karsthydrologischen System des Schlagerbodenpolje, NÖ
Alexander Klampfer

Im Rahmen einer Neuvermessung der altbekannten Mariannenhöhle im Jahr 2003 begann eine intensive Forschungsphase im Bereich Schlagerboden – Höllgraben bei Frankenfels in den niederösterreichischen Voralpen. Diese hält bis heute an und brachte bemerkenswerte Resultate. Neben der Auffindung neuer Höhlenteile in bereits bekannten Objekten sorgte vor allem die Entdeckung der Bärenlucke, einer neuen Großhöhle, für Überraschung. Die beiden beschriebenen Höhlen stellen trockengefallene ehemalige Quellhöhlen dar, wodurch phreatische Raumprofile überwiegen. Beide Objekte liegen in ummittelbarer Nähe zu einander und werden lediglich durch einen vermutlich 15 m langen Siphon getrennt, welcher allerdings noch nicht überwunden werden konnte. In einem neuentdeckten Schacht gelang es, ein großteils vollständiges Skelett eines jungen Braunbären zu bergen.


Forschungsprojekt Ghar-e-Roodafshan, Provinz Teheran, Iran
Ernest Geyer

Die Ghar-e-Roodafshan ist seit dem Jahr 2003 Ziel von Forschungsfahrten des „Vereins für Höhlenkunde in Obersteier“. Gemeinsam mit dem Verein „Khaneye Koohnavardan-e-Teheran“ wurde an der Vermessung der Höhle gearbeitet. Die Roodafshan Entrance Hall ist mit 168 m Länge, 94 m Breite, einer Höhe von bis zu 40 m und einer Grundfläche von 11.395 m2 der derzeit größte, dokumentierte Höhlenraum im Iran. Die Gesamtlänge dieser großräumigen Höhle beträgt 1502 m bei einer Niveaudifferenz von -90,6 m.